DAS GROSSE HEFT

DAS GROSSE HEFT

Uraufführung von Sidney Corbett


Musiktheater in fünf Abteilungen. Libretto nach dem Roman von Agota Kristof, eingerichtet von Sidney Corbett und Ralf Waldschmidt

Der Roman Das große Heft von Agota Kristof (1935–2011) gehört zu den aufwühlendsten und eindringlichsten Texten, die je über das Schicksal von Menschen in Zeiten des Krieges geschrieben wurden. Erzählt wird von namenlosen Zwillingsbrüdern, die bei Kriegsausbruch zu ihrer Großmutter gebracht werden. Die alte Frau ist bei den Dorfbewohnern als Hexe verschrieen. In einem beispiellosen Akt der moralischen Selbstverstümmelung kehren die Zwillinge den Prozess der Zivilisation um, womit sie ihr Überleben sichern. Um der Verrohung ihrer Umwelt standzuhalten, betteln, hungern, schlachten und töten die beiden Kinder – dabei von der unerbittlichen Sehnsucht nach Wahrheit getrieben. Alles, was sie erfahren und als wahr erkennen, tragen sie in das große Heft ein. Ein Buch über das Leid – und über die Liebe. Sidney Corbett stammt aus Chicago und lebt in Berlin. Musiktheater spielt in seiner Arbeit als Komponist eine immer größere Rolle. Bisher entstanden die Opern X und Y (Stuttgart 2002), Noach (Bremen 2001), Keine Stille außer der des Windes (Bremen 2007) und Ubu (Musiktheater im Revier 2012).

Based on the novel Le grand cahier by Agota Kristof, original © Editions du Seuil, Paris, 1986.

Wir danken der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Osnabrück für die freundliche Unterstützung.

Fotos: Marek Kruszewski, Marius Maasewerd

Die Vorstellung dauert ca. 1 Stunde 40 Minuten, ohne Pause


Medien

Besetzung

Musikalische Leitung Andreas Hotz
Inszenierung Alexander May
Bühne/Kostüme Etienne Pluss
Video Bert Zander
Choreinstudierung Markus Lafleur
Dramaturgie Ralf Waldschmidt, Alexander Wunderlich

Junge 1 Marie-Christine Haase
Junge 2 Susann Vent
Großmutter Eva Gilhofer
Mutter / Magd Almerija Delic
Der Schuster Genadijus Bergorulko
Pfarrer / Der fremde Offizier Jan Friedrich Eggers
Polizist / Vater Mark Hamman
Hasenscharte Ariane Ernesti
Sprecherin Marie Bauer

Chor und Kinderchor des Theaters Osnabrück
Osnabrücker Symphonieorchester

Pressestimmen

„[…] Corbetts Musik zu Das große Heft beschreibt nicht nur äußere Aktionen und Verhaltensweisen. Sie dringt tief in die Szenen und Figuren ein. Das vielfältig agierende Orchester entfaltet eine differenzierte Klangsprache, mit feinen instrumentalen Farben und sensiblen Stufungen. Rhytmische Charakterisierungen beschreiben genau einige der Personen, etwa den „fremden Offizier“. Der Text wird oft sensibel mit dem Orchester durchleuchtet. Vor allem aber zeichnet sich Corbetts Komponieren durch den wunderbar entspannten Umgang mit dem Gesanglichen aus – kein schmetterndes Arioso, vielmehr die subtile Führung der Linien, eine zarte Expressivität. […] In dem dunkel gehaltenen Bühnenraum mit den hohen Passpartouts, die von Szene zu Szene wie ein Buch umgeschlagen werden, führt Regisseur Alexander May die Sängerdarstellung in ruhigem Fluss durch die Stationen. Es ist eine Wohltat, hier kein Regisseurtheater zu erleben. Die Sopranistin Marie-Christine Haase und Susann Vent singen und spielen die Hosenrollen der beiden Brüder mit passender Natürlichkeit, sie lassen in der Bösartigkeit mancher Auftritte auch erkennen, dass diese Gründe hat. Eva Gilhofer als Großmutter, Almerija Delic als Mutter und Magd, Jan Friedrich Eggers als Pfarrer und als fremder Offizier, Mark Hamman als Polizist und Vater sowie Ariane Ernesti als das Mädchen Hasenscharte – man ist auch hier, wie oft, wieder angenehm überrascht, wie homogen die Sängerensembles an mittleren und kleineren Opernbühnen besetzt sind. Dass auch die Orchester dieser Theater ausgezeichnet arbeiten, war ebenfalls in Osnabrück wieder zu erfahren. Andreas Hotz, der junge Musikchef des Osnabrücker Symphonieorchesters, durchleuchtete und formte Sidney Corbetts Partitur mit aller Sorgfalt und einem sichtbaren Gespür für die instrumentalen und klangfarblichen Feinheiten.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.3.13

„[…] Das Theater Osnabrück und sein Intendant Ralf Waldschmidt haben eine mutige Entscheidung getroffen, Corbetts Stück zur Uraufführung zu bringen. […] Das Osnabrücker Haus leistet Überragendes, bietet ein enorm gutes Solistenensemble, trumpft auf mit einem glänzend agierenden Kinderchor, verfügt mit Andreas Hotz über einen Dirigenten, der die komplexe Partitur gestenreich und in ihrer ganzen Farbigkeit zur Geltung bringt.“
Westfälische Nachrichten, 25.3.13

„Nach dem letzten Ton herrscht – Stille. Erst nach einigen Momenten entlädt sich die Spannung im Osnabrücker Theater am Domhof, feiert das Publikum minutenlang die tief bewegende Uraufführung der Oper Das große Heft von Sidney Corbett. […] Das große Heft macht Ausstatter Etienne Pluss zum zentralen Bühnenelement. Aus den Seiten treten die Figuren auf, in sie hinein verschwinden sie wie Episoden des Buches, und die Zwillinge blättern darin als allwissende, wenn nicht sogar allmächtige Autoren. Darstellen lässt Sidney Corbett die beiden Zwillinge, der Operntradition der Hosenrolle folgend, von Sopranen: Marie-Christine Haase singt mit ihren Koloraturen in höchsten Bereichen, Susann Vent verleiht ihrem Part die Wucht des dramatischen Soprans. […] Und vereint sich der Gesang, klingt aus der Zweistimmigkeit mitunter Wehmut oder Sehnsucht nach einem Leben – häufig aber vereinen sich die beiden zu Dissonanzen, die scharf ins Gehör und ins Empfinden der Zuhörer schneiden. Und das mit einer Intensität, die sich den fantastisch singenden, intensiv agierenden Darstellerinnen Haase und Vent verdankt. Gegenpart und Bezugspunkt in einem bietet die Großmutter, mit umwerfender Präsenz dargestellt von der Bremer Kammersängerin Eva Gilhofer. Nicht nur die Parts der beiden Jungen hat Corbett mit expressiver Melodik aufgeladen. Almerija Delic erinnert als Mutter der beiden mit ihrer glühenden Stimme an die Furien der Barockoper und trällert in ihrem Part als Magd des Pfarrers mit beiläufiger Intensität ein Lied, in dem osteuropäische Folklore anklingt […] Brechen sich hier Emotionen Bahn, begegnet einem der Orchestersatz nüchtern und eisig wie der Roman. Melodik hat Corbett fast vollständig eliminiert; stattdessen arbeitet er mit Klangatmosphären – die Andreas Hotz brillant umsetzt. Der Osnabrücker Generalmusikdirektor lässt Klänge entstehen, die glitzern wie Eis – doch darunter brodelt und, stampft es. […] Umso beachtlicher ist die Umsicht, mit der Hotz diesen Orchestersatz auffächert und den ganzen Apparat zusammenhält – und wie konzentriert das Osnabrücker Symphonieorchester folgt. Es ist nicht alles abgrundtief schlecht in dieser Welt: Die Kinder erfahren Hilfe durch einen Schuster (Genadijus Bergorulko), und in der Person der „Hasenscharte“ (die agile Ariane Ernesti) bricht so etwas wie ein Naturidyll herein. […] Alexander Mays Inszenierung zeigt das in Bildern, die einerseits die Drastik der Geschichte einfangen, andererseits oft die nüchtern-distanzierte Perspektive der Romanautorin einnehmen, indem sie die Mechanismen des Theaterbetriebs nach außen kehrt. Doch gerade deswegen entfaltet dieses Stück eine Intensität, der man nicht entrinnen kann. Damit wird Das große Heft zur stimmigsten Opernuraufführung, die das Haus seit Langem erlebt hat.“
Neue Osnabrücker Zeitung, 18.3.2013

„[…] Alexander May hat sich in seiner Inszenierung auf das wirklich Notwenige beschränkt, und so wirken die Personen schattenrisshaft in der Enge ihrer gnadenlosen Welt. Das Entsetzen über die Lebensumstände und die Erlebnisse der Jungen kommt deshalb sehr direkt auf die Bühne. Etienne Pluss hat ein funktionales Bühnenbild geschaffen, das von einem riesigen Heft dominiert wird. […] Die beiden Jungen, mit Zottelperücken und halblangen Hosen, sind von Marie-Christine Haase und Susann Vent mit Sopran und Alt besetzt. Saubere Höhen, warme Mittellagen und fast knabenhafter, betont simpler Ausdruck, gefördert durch die schauspielerisch überzeugende Darstellung der beiden Sängerinnen, sind gut intoniert und schön phrasiert. Kammersängerin Eva Gilhofer, Mitte 70, bringt eine Großmutter auf die Bühne, die allein schon die Reise nach Osnabrück wert ist. Technisch sauber, routiniert und mit viel Präsenz, aber stimmlich deutlich mit altersgemäß etwas rauen Tönen, überzeugt sie restlos als harte Alte. […] Almerija Delic wirkt als Mutter und als Magd lebensfroh, strahlt stimmlich und passt gut ins Ensemble. […] Jan Friedrich Eggers […] überzeugt restlos als latent pädophiler Schönling. Und singt seine Partien sehr gut. Mark Hamann gibt den Polizisten und den Vater, sicher gesungen und kein bisschen heldenhaft. Ariane Ernesti als „Hasenscharte“ strahlt mädchenhaft, entwickelt viel Charme und verleiht diesem bemitleidenswerten verunstalteten Mädchen, das sich mit Bettelei und Prostitution durchschlägt, viel Leben. […] Dirigent Andreas Hotz lässt die inhaltliche sperrige, zugleich musikalisch faszinierende Oper störungsfrei ablaufen, sorgt für Fluss und genau ausgewogenen Klang. Weder zu leise, noch zu laut, kein bisschen zu hart oder zu weich präsentiert sich jeder gesungene und gespielte Ton. Das Osnabrücker Symphonieorchester ist der hervorragende Partner im Graben. […]“
opernnetz.de, 16.3.13

„[…] Sozialisiert also von einem einzigen Buch – der Bibel – tragen die Adoleszenten in Das große Heft ein, was ihnen widerfährt und was sie jeweils als einzig wahr erachten. Der Ausstatter Etienne Pluss ließ für die zweckdienlich zurückhaltende Inszenierung von Alexander May ein paar karge Stellwände über der von welken Blättern oder Brandresten übersäten leeren Bühnenfläche aufstellen. Die Wände mutieren zu einem zunächst unbeschriebenen überdimensionalen Buch. […] Das kühne Konstrukt von Kristófs Erstlingsroman Das große Heft wurde von Corbett mit einer Musik bedacht, die mit leisen Intensitäten einen Korrelat zum Text schafft – und beide gemeinsam scheinen in peristaltischen Bewegungen gegen das Vergessen und Verdrängen anzugehen. Dabei scheint der Tonsatz von einem „stockenden Fluss“ getragen, dessen inhärente Widersprüchlichkeit der Dirigent Andreas Hotz deutlich macht: als differenziertes Kontinuum. In das sind die beiden dominierenden Partien der Zwillinge integral eingeflochten – der beiden vorzüglich angemessen agierenden Sopranistinnen Marie-Christine Haase und Susann Vent. […] Auch mit der Partie des mädchenschändenden Priesters, den Jan Friedrich Eggers ebenso treffsicher singt und spielt wie den sadomasochistisch veranlagten fremden Offizier. Hervorragend besetzt ist in Osnabrück auch die Partie von Hasenscharte mit Ariane Ernesti als junger Frau in der Opferrolle […]. Sidney Corbett ist in Zusammenwirken mit seinem Librettisten, dem Osnabrücker Intendanten Ralf Waldschmidt, so etwas wie ein modernes „Lehrstück“ gelungen, das Motive der Brechtschen „Maßnahme“ aufgreift, aber gänzlich anders wendet. […]“
nmz.de, 17.3.13

„[…] Seine [Anmerk. Komponist Sidney Corbett] Musik kennt Stimmungen und Seelenregungen; aber ihre kristallklar strukturierten Klangflächen konstatieren alles mit kühler Wahrhaftigkeit. Der Orchestersatz ist hochtransparent, dabei rhythmisch vielschichtig und facettenreich; […] Damit entspricht die Musik der Atmosphäre des Romans, findet ihm gegenüber aber eine eigene Form. Sie ist nicht narrativ, sondern situativ. Es gibt zwar Leitmotive, die die Handlung akzentuieren, und Farben, die den Personen zugeordnet sind. Aber das Zuständliche steht im Vordergrund. […] Musikalisch […] war die vom Publikum begeistert aufgenommene Premiere ein eindrucksvoller Leistungsbeweis der Osnabrücker Opernsparte. Unter seinem neuen, jungen GMD Andreas Hotz […] agierte das Orchester mit einer technischen Präzision und interpretatorischen Nachdrücklichkeit, wie sie auch an größeren Häusern keineswegs selbstverständlich ist. Mit den Sopranistinnen Marie-Christine Haase und Susann Vent in den Partien der Zwillinge hat die Produktion zwei Protagonistinnen, die in empathischer Zweieinigkeit interagierten. Insbesondere Marie-Christine Haase erfüllte ihre bis in die dreigestrichene Oktave reichende Partie mit einfühlsamer, wunderbar klarer Leuchtkraft. Und Eva Gilhofer – stellvertretend genannt für ein bemerkenswert rollendeckendes Ensemble – war eine Großmutter von starker Ausstrahlung, die Corbetts parlando-brutto-Anweisung in herbem Sprechgesang sinnerfüllt umsetzte. Erwähnenswert auch der Kinderchor des Hauses, der seine schwierige Aufgabe nicht nur tadellos, sondern sehr ausdrucksstark bewältigte.“
Die deutsche Bühne online, 17.3.13

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